
Unser Hochbeet wächst
Seit gefühlt zehn Jahren reden wir davon: vom Hochbeet. Vom Gärtnern in luftiger Höhe, vom eigenen Salat, von Kräutern aus dem Garten statt aus dem Supermarkt. Andere legen längst los, ernten, pflanzen nach. Wir lesen, recherchieren, denken viel nach. Denn hier auf 600 Metern Seehöhe, mitten in den Alpen, im Naturschutzgebiet Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal ist das mit dem Hochbeet nicht ganz so einfach. Kühle Nächte, abrupte Wetterwechsel, starke Regenfälle oder wochenlange Trockenperioden. Da fragt man sich schnell: Lohnt sich das überhaupt? Und funktioniert es wirklich?
Jetzt aber ist es endlich so weit: Susanne wagt den ersten Schritt. Während Evelyne in der Arktis unterwegs ist, hat Susanne ausnahmsweise ein wenig mehr Zeit. Evelyne bittet sie, auf ihren Hund aufzupassen und so bleibt Susanne für ein paar Tage im Haus. In dieser Zeit entsteht nicht nur ein gut betreuter Alltag mit Hund, sondern auch ein Herzensprojekt: unser erstes Hochbeet. Es stammt nicht aus dem Baumarkt. Es wird in einer Tischlerei maßgefertigt, aus robustem, langlebigem Holz. Die Füllung ist klassisch geschichtet: mit Ästen, Laub, Kompost und guter Erde.
Und nun, Anfang August, beginnt es zu leben: Die ersten Pflanzen sind gesetzt. Kräuter, Salate und erste Gemüseversuche wachsen nun darin, sorgfältig ausgewählt, damit sie auch in Höhenlage gedeihen können. Denn gerade hier, in einer alpinen Region wie unserer, bringt ein Hochbeet viele Vorteile mit sich: Der Boden erwärmt sich schneller, was die Vegetationsperiode verlängert. Regenwasser kann gut abfließen, was Staunässe verhindert. Die erhöhte Lage schützt vor Kälte von unten – und vor Schnecken. Und nicht zuletzt: Ein Hochbeet ist eine Wohltat für den Rücken, besonders auf steinigem Boden wie bei uns im Dürnstein.
Während hier also das erste Hochbeet entsteht, ist Evelyne zur gleichen Zeit weit entfernt, auf Expedition im hohen Norden, genauer gesagt auf Spitzbergen, mit einem kleinen Expeditionsschiff der Hurtigruten Svalbard. Die sechstägige Fahrt entlang der Westküste bringt sie mitten in die fast unberührte Polarlandschaft: mit Gletscherwanderungen, Tierbeobachtungen, Klima-Vorträgen, Zodiak-Touren und Wanderungen durch arktische Stille. Spitzbergen, rund 1.300 Kilometer vom Nordpol entfernt, gehört zu den Orten, an denen sich der Klimawandel besonders deutlich zeigt. Die Durchschnittstemperaturen steigen hier fast siebenmal schneller als im globalen Durchschnitt. Gletscher schmelzen, Permafrostböden tauen auf, Tierarten verlieren ihren Lebensraum. Für Evelyne ist diese Reise mehr als eine außergewöhnliche Erfahrung. Sie ist eine stille Mahnung. Wie fragil unsere Erde ist und wie sehr wir gefragt sind, sie zu bewahren.
Und während am anderen Ende der Welt über das Schmelzen des Eises gesprochen wird, entsteht hier bei uns zu Hause ein erstes Beet. Auf den ersten Blick vielleicht eine kleine Tat, aber eine, die einen Unterschied machen kann. Ein eigenes Hochbeet bedeutet: weniger Transportwege, mehr Regionalität. Mehr Selbstversorgung, weniger Verpackungsmüll. Mehr Achtsamkeit, weniger Verschwendung. Und es bedeutet auch: zurück zur Erde, in einer Zeit, in der so vieles digital, global und schwer greifbar ist.
Wir sind gespannt, wie unsere erste Ernte ausfällt. Ob der Salat so knackig wird, wie wir ihn uns wünschen. Ob der Basilikum die kühlen Nächte übersteht. Aber eines wissen wir schon jetzt: Der erste Schritt ist getan. Und manchmal beginnt Nachhaltigkeit einfach mit einem Stück Holz, ein paar Handgriffen und der Geduld, die Dinge wachsen zu lassen.